Zwischenbericht zum aktuellen Stand der Machbarkeitsprüfung

Phase „Untersuchen“ ist abgeschlossen: Zwischenbericht zum aktuellen Stand der Machbarkeitsprüfung

Sie finden den Bericht auch hier als PDF.

Seit dem Start der Machbarkeitsstudie für eine mögliche Biosphärenregion ist viel passiert. Die Bilanz der Beteiligung in der ersten von vier Phasen: Drei regionale Bürgerforen, ein dreiwöchiger Online-Dialog, ein Forum zum Thema Landnutzung, drei Sitzungen des Steuerungskreises sowie drei Sitzungen thematischer Arbeitsgruppen. Darüber hinaus wurden erste fachliche Analysen zu den UNESCO-Kriterien vorgenommen.

Im Zentrum der ersten von vier Phasen der Machbarkeitsprüfung stand eine Bestandsaufnahme und Informationssammlung für den weiteren Verlauf des Prozesses. Dabei wurden erste Ergebnisse zu den beiden zentralen Fragestellungen der Machbarkeitsprüfung erzielt:
•    Hat die Region überhaupt Chancen, als Biosphärenregion anerkannt zu werden – also kann sie die Kriterien der UNESCO erfüllen?
•    Welche Vor- und Nachteile hätte die Region davon? Und davon abgeleitet: Will die Region eine Biosphärenregion?

Im Folgenden fassen wir die zentralen Ergebnisse der Phase „Untersuchen“ zusammen:

A)    Zwischenergebnisse zur Frage „Kann die Region Biosphärenregion werden?“ (formale Machbarkeit)

In der Phase „Untersuchen“ wurden geprüft, ob die Region die UNESCO-Kriterien „Repräsentativität“ sowie „Flächengröße und Abgrenzung“ erfüllen kann. Dazu  wurden fachliche Analysen vorgenommen. Zudem wurde im Rahmen der Beteiligung eine umfangreiche Bestandsaufnahme der Region vorgenommen. Die Prüfung der weiteren Kriterien folgt in den kommenden Phasen.

Prüfung des Kriteriums „Repräsentativität“

Eines der wichtigsten Kriterien der UNESCO ist die „Repräsentativität“. Das bedeutet, dass die Region über besondere Merkmale verfügen muss, die die anderen Biosphärenregionen noch wenig vorweisen können. Das weltweite Netz von UNESCO-Biosphärengebieten soll möglichst alle charakteristischen Landschaftstypen umfassen.

Das Ergebnis der Prüfung ist positiv: Wiesbaden, Rheingau-Taunus- und Main-Taunus-Kreis können zusammen Besonderheiten vorweisen, die in anderen Biosphären bisher wenig abgedeckt werden.

Wir könnten Vorbild für nachhaltige Entwicklung in einer Metropolregion werden
Sowohl die fachlichen Untersuchungen als auch die Bestandsaufnahmen in Bürgerforen und Arbeitsgruppen haben gezeigt: Eine zentrale Besonderheit der Region liegt in der Kombination aus Stadt und Land. Bisher sind Biosphärenregionen vor allem in stark ländlich geprägten Gebieten zu finden. Wäre unter den Biosphären auch eine Region wie diese vertreten, könnte modellhaft gezeigt werden, wie ein nachhaltiger Entwicklungspfad in Gebieten gelingen kann, in denen viele Menschen wohnen und arbeiten. Im Stadt-Land-Verbund könnten positive wirtschaftliche, soziale und ökologische Beziehungen gestärkt sowie nachhaltige Konsum-, Mobilitäts- und Produktionsmuster entwickelt und erprobt werden. Die Region könnte modellhaft zeigen, wie die Bedürfnisse von Menschen und Natur in Einklang gebracht werden können. Als Vorbild für andere Regionen könnten sich beispielhafte Beziehungen von der Stadt zum Wald, zum Fluss, zum Weinbau und zur Landwirtschaft ergeben.

Wir haben Landschaften, die andere nicht haben
Besonders kennzeichnend für die Region ist die Kombination aus Stadt, Wald und Weinbau, vernetzt durch Flüsse und Bäche. Die Region umfasst Landschaften, die in den bestehenden Biosphärenregionen Deutschlands bisher nicht ausreichend vertreten sind. Neben dem städtischen Raum gibt es weitere landschaftliche Besonderheiten der Region, wie den Rheinstrom sowie die Wälder des Taunus mit dem Beginn des Mittelrheintales als Durchbruchtal des Rheins. Diese Landschaftsteile weisen eine herausragende biologische Vielfalt auf. Auch Weinbaulandschaften sind in bisherigen Biosphären nicht stark vertreten, sodass der Rheingau mit seinen historischen Städten und Dörfern, Burgen, Schlössern und Klöstern von erheblicher Bedeutung für die Biosphärenregion ist.

Wir haben Orte hoher biologischer Vielfalt
Landschaften einer Biosphärenregion müssen für die Erhaltung biologischer Vielfalt von Bedeutung sein. Mit den Magerrasen, Felsfluren, wärmeliebenden Gebüschen und Wäldern im UNESCO-Weltkulturerbe „Oberes Mittelrheintal“ hat die Region einen deutschen Hotspot der biologischen Vielfalt. Das hat auch die Bestandsaufnahme der Arbeitsgruppe „Natur und Kultur“ bestätigt. Hessens größte zusammenhängende Waldlandschaft, der Hinterlandswald mit dem Wispertaunus, ist für den Biotopverbund national bedeutsam. Die alten Wälder sind Naturerbe und Ursprungsorte der biologischen Vielfalt der Region. Hier leben seltene und geschützte Arten wie Wildkatze, Schwarzstorch und Bechsteinfledermaus. Auen und Inseln des Rheins sind international bedeutsame Trittsteinbiotope des Vogelzuges. Auch die Ackerlandschaft im Main-Taunus-Kreis leistet mit dem europaweit geschützten Feldhamster einen Beitrag zur biologischen Vielfalt.

Prüfung des Kriteriums „Flächengröße und Abgrenzung“

Neben der Repräsentativität ist ein weiteres Kriterium der UNESCO die Flächengröße und Abgrenzung: Eine UNESCO-Biosphärenregion muss groß genug sein, um die biologische Vielfalt ihrer

Gebietskarte
Landschaften zu erhalten, nachhaltige Entwicklungspfade wirksam erproben und langfristige Veränderungen messen zu können. Damit sie ihre vielfältigen Aufgaben und Funktionen erfüllen kann, darf sie nicht kleiner als 30.000 Hektar und nicht größer als 150.000 Hektar sein. Bei der Abgrenzung müssen die repräsentativen Landschaften, kulturellen Gegebenheiten und Verwaltungseinheiten sowie wirtschaftliche und gesellschaftliche Beziehungen berücksichtigt werden.

Fachliche Analysen haben ergeben, dass der Prüfraum, der den Rheingau-Taunus-Kreis, Stadt Wiesbaden und Main-Taunus-Kreis umfasst, dieses Kriterium erfüllt und eine Biosphärenregion bilden kann. Mit einer Fläche von 123.747 ha würde die Region das Kriterium der Flächengröße erfüllen. Etwa 700.000 Menschen leben in dieser Modellregion für nachhaltige Entwicklung.

Die Kreis- und Stadtgrenzen umfassen in beispielhafter Art und Weise Landschaften einschließlich ihrer besonderen biologischen Vielfalt, die in den anderen deutschen Biosphärenregionen bisher nicht ausreichend vertreten sind. Dazu zählen, wie in den Ergebnissen zum Kriterium „Repräsentativität“ dargestellt, unter anderem der Verdichtungsraum, die Wald- und Weinbaulandschaften sowie die Bäche und Flüsse aus dem bewaldeten Taunus. Innerhalb der Metropolregion FrankfurtRheinMain spiegeln die Grenzen zudem historische und kulturelle sowie wirtschaftliche und gesellschaftliche Beziehungen wider. Eingeschlossen sind auch die Naturparks Rhein-Taunus und Teile des Naturparks Taunus sowie die LEADER-Regionen Taunus und Rheingau, die umfangreiche Erfahrung mit der Entwicklung und Umsetzung nachhaltiger Entwicklungskonzepte sowie in den Bereichen Verwaltung, Forschung und Bildung für nachhaltige Entwicklung haben.

B)    Zwischenergebnisse zur Frage „Will die Region Biosphärenregion werden?“ (gesellschaftliche Machbarkeit)

Im Rahmen des Beteiligungsprozesses wurden vielfältige Impulse zu möglichen Chancen und Risiken einer Biosphärenregion im Rheingau-Taunus-, Main-taunus-Kreis und Wiesbaden gesammelt.

Aus der Diskussion wurde vor allem deutlich, dass die Antwort auf die Frage „Was hätte die Region davon?“ stark abhängig von der konkreten Ausgestaltung einer Biosphärenregion ist. Insgesamt zeugte die erste Phase der Beteiligung von einem hohen Maß an Wertschätzung und Offenheit für den ergebnisoffenen Dialog mit unterschiedlichen Akteuren.

Zentrale Vorteile durch eine Biosphärenregion könnten aus Sicht der Teilnehmenden in Bürgerforen, Online-Beteiligung, Steuerungskreis und Arbeitsgruppen vor allem in einer besseren Vernetzung der Regionen liegen. Im gemeinsamen Stadt-Land-Verbund könnten damit überregionale Herausforderungen in Verkehr, Nahversorgung oder Siedlungsentwicklung angegangen werden. Vorteile versprechen sich viele Teilnehmende auch für Tourismus und Wirtschaft, zum Beispiel durch ein gemeinsames Standortmarketing und regionale Vermarktungsketten. Darüber könnten Forschung und Bildung für nachhaltige Entwicklung gestärkt werden. Eine Biosphärenregion könnte außerdem dabei helfen, biologische Vielfalt, kulturelles und ökologisches Erbe zu schützen und nachhaltig eine hohe Lebensqualität in der Region zu sichern.

Risiken liegen aus Sicht der Teilnehmenden vor allem in einer möglichen Verstärkung der Flächenkonkurrenz. Bedenken wurden vor allem in Hinblick auf die auszuweisenden Kern- und Pflegezonen und etwaige negative Auswirkungen zum Beispiel auf Landwirtschaft oder Holzindustrie geäußert. Zudem wurde die Sorge geäußert, dass die Biosphärenregion nur ein bürokratisches, kostspieliges „Label“ ohne Inhalt werden könnte.

Die breite Sammlung möglicher Chancen und Risiken bildet eine wertvolle Grundlage für den weiteren Dialog zu Anforderungen und Ausgestaltung sowie Vor- und Nachteilen einer Biosphärenregion. In der Phase „Planen“ wird gemeinsam erörtert, ob und wie eine Biosphärenregion so ausgestaltet werden könnte, dass die Vorteile maximiert und die Risiken minimiert werden.

Die Ergebnisse der bisherigen Beteiligung können Sie im Detail auch im „Ergebnisbericht zu Bürgerforen und Online Beteiligung 2018“ und in den Protokollen der Arbeitsgruppen nachlesen.  

C)    Wie ist der aktuelle Stand?

Im Zentrum der aktuellen Phase „Planen“ stehen die Prüfung weiterer UNESCO-Kriterien sowie die Entwicklung konkreter Zukunftsbilder einer Biosphärenregion.
Besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem UNESCO-Kriterium „Zonierung“, also der Identifizierung von Kern-, Pflege- und Entwicklungszone. Die Diskussion von Chancen und Risiken in der Phase „Untersuchen“ hat deutlich gezeigt, dass die Ausgestaltung der Zonierung maßgeblich dafür sein wird, ob die Menschen in der Region eine Biosphärenregion wollen. Um frühzeitig zum Thema Zonierung ins Gespräch zu kommen, wurde im Herbst 2018 das „Forum Landnutzung“ veranstaltet. Sehr deutlich wurde dort, dass die Zonierung keine Nutzungseinschränkungen für Land- und Forstwirtschaft nach sich ziehen darf, sondern dass das Prinzip der Freiwilligkeit gelten muss. Mit dieser Maßgabe wurde eine Potenzialanalyse der möglichen Kern- und Pflegezone vorgenommen.
Die Zwischenergebnisse dieser Zonierungsanalyse wurden Anfang 2019 mit Bürgermeistern, Arbeitsgruppen und Steuerungskreis diskutiert. Außerdem wurden in Sitzungen der Arbeitsgruppen Mitte Februar Zukunftsbilder und konkrete Ideen für eine mögliche Biosphärenregion entwickelt. Die Protokolle hierzu werden in Kürze online gestellt. Am 23. März 2019 wird dazu auch eine Jugendbeteiligung stattfinden. Im Mai 2019 werden dann die Zukunftsbilder bei einem öffentlichen Bürgerforum vorgestellt, diskutiert und bewertet.

Fotogalerie: Impressionen der bisherigen Beteiligung